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Auch Jürgen Witte hat in gewisser Weise einen Altar aufgebaut.
Einen Glücksspielautomaten, dem manche geradezu süchtig pekuniäre
Opfer bringen. Von Scheinwerfern beleuchtet und einer Kamera in den
Blick genommen, ist er der Star des Abends. Seine drei Walzen, auf denen
die jeweiligen Früchte das Spielglück anzeigen, sind blind
wie Fortuna. Die Früchte haben sich materialisiert und stellen
als eine Art Erntedank das solidere Objekt der Verehrung dar.
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Mehr als tausend Jahre war die Kunst die direkte Alliierte der Kirche.
Auf dem Boden eines gemeinsamen Glaubens diente sie der Verbreitung
des Evangeliums. Dieser Auftrag verband die Manufaktur der schlichtesten
Votivtafel und des einfachsten Gerätes einer Bauernkapelle mit
den Chören und Glasfenstern der großen Kathedralen. Er vereinte
die anspruchslosen Holzschnitte der Biblia pauperum, der Bibel für
die Armen und für die des Lesens Unkundigen, mit den prächtigen
Kirchengemälden eines Tizian oder Tintoretto, eines Baldung oder
Bellini, eines Cranach oder Grünewald.
Mit
dem Beginn der Neuzeit sucht die Kunst ihr Gesetz in sich selbst. Die
enge Verbindung zur Kirche löst sich auf, aber ganz aufgehört
hat sie eigentlich nie. Über das religiöse Welttheater barocker
Deckenfresken und die erzählenden Altarbilder und Kreuzwegstationen
der Nazarener reicht sie bis in das 20. und 21. Jahrhundert. Matisse
und Léger, Chagall und Cocteau, haben Kirchen aus-gemalt, Serra
und Kounellis, Rückriem und Uecker, Beuys und Chillida, Werke für
Kirchen geschaffen. Andere Namen wären ad libitum zu nennen.
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"Die
Mysterien finden heute im Hauptbahnhof statt" hat Joseph Beuys
die veränderte Glaubenssituation in der Moderne einmal charakterisiert.
Eine Situation, in welcher der campo santo, der heilige Boden, nicht
mehr auf Baptisterium und Basilika, auf Kirche und Kathedrale beschränkt
bleibt, sondern sich auf ozeanische Weise weitet hinein in die Zentren
unserer Städte, in die Brennpunkte unserer Gesellschaft, in den
Schoß der Gemeinschaft, wo das in symbolischen Übertragungen
geübte Auge des Künstlers überall Territorien entdeckt
für Meditationen und Epiphanien wie für Skepsis und Glaubenszweifel.
Michael
Stoeber, Hannover 2001