
"...
Überhaupt transportiert Jürgen Witte Grausamkeiten gern beiläufig
und spielerisch. An einen Glücksspielautomaten, einen "einarmigen
Banditen", erinnert seine Projektion in den drei großen Bogenfenstern
des Hauptbahnhofs Hannover (2001), der die Menschen ausspuckt wie der
Automat Münzen nach einem Gewinn. Doch die Konstellation dreier
gleicher Motive kommt bei der flirrenden Rotation der Bilder kaum je
zustande. Sie bleiben flüchtig wie die von Interpol gesuchten Verbrecher,
deren Fahndungsfotos Jürgen Witte für seine Videoarbeit verwendet.
Ins zwielichtige Umfeld krimineller Aktivitäten rückt sein
Lichtspiel den hannoverschen Bahnhof, der in den siebziger Jahren nicht
zu Unrecht als konspirativer Treffpunkt der linksterroristischen Szene
galt. Zugleich verweist der Titel der Arbeit "parvenu" auf
den allgegenwärtigen Medientrend, noch jeden dahergelaufenen "Emporkömmling"
zum Star der Stunde auszurufen - ob im Boygroup- oder Container-Casting.
Wittes Aktion jedenfalls macht Kriminelle zu Shooting-Stars. Dass der
Künstler sich schließlich selbst zu Pressezwecken in den
Reigen der Täter einreiht, nimmt ironisch Bezug auf eine Rolle,
in die er immer wieder schlüpft..."
Kristina
Tieke, Hannover 2003, in:
Artist Kunstmagazin Nr.54
"...
Jürgen Witte lässt die Fensterwand wie die Bilder eines Geldspielautomaten
erscheinen: Dreifach nebeneinander rotieren die Bilder, und ab und zu
schafft der Zufall ein Glücksgefühl mit dreimal den gleichen
Bildern - aber wir gewinnen nichts außer dem Vergnügen, uns
mal wieder selbst dabei ertappt zu haben, dass wir doch alle gern einmal
dies Glück haben wollen. Aber warum finden wir eigentlich drei
gleiche Bilder schöner als drei spannungsvoll zu einander stehende,
die wiederum jeweils eine neue Geschichte erzählen könnten?...
Wulf
Herzogenrath, Bremen 2001