Vorwort
Als
die Juroren des 6. Holzmindener Bildhauersymposions am 4. Mai 1999 ihre
Wahl getroffen hatten und die vier Künstler feststanden, die vom
20. Juni bis zum 3. Juli ihre Arbeiten in der Stadt entwickeln sollten,
da war noch nicht abzusehen, welche heftigen Diskussionen ausgelöst
wurden und welche Konsequenzen diese Wahl haben könnte.
Als
Spiegelbild der politischen, sozialen, religiösen oder ideologischen
Strukturen der Gesellschaft hat die Kunst schon immer in einem Entwicklungsprozess
gestanden und alle Veränderungen der Gesellschaft feinfühlig
registriert. Somit ist auch die Definition dessen, was Inhalt und Form
der Kunst ist, in diesem ständigen Wandel eingebunden. Manchmal
ist dieser Prozess eher schleichend und langsam, so dass wir ihn kaum
wahrnehmen und daher auch leichter akzeptieren können, manchmal
jedoch gibt es unvorhergesehene kleinere oder größere Revolutionen,
die das Leben um uns und somit auch die Kunst stärker verändern.
Niemand wird leugnen, dass die 90er Jahre - speziell in unserem Lande,
aber auch weltweit eine solche gesellschaftliche Veränderung mit
sich gebracht haben. Müssen wir uns wundern, dass auch die Kunst
sich geändert hat? Bestand hat nur die Aussage, dass die Freiheit
der Kunst mit der freiheitlichen Entwicklung der Gesellschaft eng verknüpft
ist.
Die
klassische Form der Bildhauerei, das Arbeiten mit Holz und Stein, mit
Gips, Ton und Bronze hat sich in den letzten Jahren und Jahrzehnten
um neue Erscheinungsformen erweitert: von der Installation über
die Performance bis hin zum virtuellen, computergenerierten Kunstwerk.
Das Holzmindener Bildhauersymposion wendet sich von den Statuten her
an junge Künstler, und gerade diese sind es, die am ehesten bereit
sind, Veränderungen mitzugestalten und diese neuen Erscheinungsformen
anzuwenden. Auch wenn nicht gesagt werden kann, dass dies die Absicht
der Jury war, so zeigt das diesjährige Symposion deutlich diesen
Trend auf und vermittelt der vielleicht unvorbereiteten Bevölkerung
Holzmindens diese Entwicklung der jüngeren Kunst. Die von den vier
Künstlern geschaffenen Kunstwerke haben die herkömmliche Anschauung
von Bildhauerkunst verlassen und zeigen nun deutlich, womit sich die
junge Kunst heute beschäftigt. Anstatt sich zu freuen, dass man
an diesem Prozess von Beginn an teilnehmen kann, dass man das Neue erleben
und daraus lernen kann, war die Entrüstung in der Bevölkerung,
in den Ausschüssen des Stadtrates, die die Gelder für das
Symposion bereitstellen, und teilweise in der Presse groß. Der
Ruf wurde laut nach der guten, alten, herkömmlichen Skulptur. "Was
bleibt?" war die Frage, die man sich überall stellte.
Tatsächlich
haben die vier Künstler - Andre-Philip Lemke, Reni Scholz, Claudia
Wissmann und Jürgen Witte - in Holzminden kaum Kunstwerke geschaffen,
die den Anspruch in sich tragen, auf lange Zeit einen materiellen Bestand
zu haben.
Andre-Philip
Lemke schlüpfte in die Rolle des Verkäufers und bot auf dem
Wochenmarkt der Stadt zum Kunstobjekt verfremdete Früchte, aus
Draht und Luftballons zusammengesetzte Schutzengel und Postkarten an.
Zur Eröffnung der Ausstellung gab es von ihm in Zusammenarbeit
mit Reni Scholz "Duftballons" als mundgeblasene Skulptur.
Einzig die gepflanzten Bäume und die aus einem Stein gewonnene
"Vogeltränke" mögen als "Objet-trouvé"
die Schnelllebigkeit seiner Aktionen und Kunst(erinnernungs)gegenstände
überdauern.
Reni
Scholz hat aus zusammengesetzten Kleiderbügeln und einem Grabstein
ein großes Fragezeichen in einen Park gesetzt: Eine Skulptur,
die nur so lange leben kann, wie die hölzernen Kleiderbügel
der Witterung Widerstand leisten. Aber auch sie vervollständigte
ihre Teilnahme am Symposion durch eine künstlerische Aktion: Frauen
(mit Hunden) sollten an einer "Duftorgel" Düfte aussuchen,
die dann beim Abschluss des Symposions, am Tag des Rundgangs, auf Tücher
getröpfelt und in Flaschen verschlossen der Weser anvertraut wurden.
Als Flaschenpost konnten damit die Düfte der "Duftstadt Holzminden"
symbolisch in die Welt hinausgetragen werden.
Auch
Claudia Wissmanns Auseinandersetzung mit der Stadt Holzminden wird wahrscheinlich
keine lange Lebensdauer haben, obwohl ihre Installation am ehesten in
der Lage wäre, viele Jahre an Ort und Stelle zu verbleiben. Das
Severinsche Haus, eines der ältesten und ehrwürdigsten Fachwerkbauten
dieser Stadt, wurde durch Verlängerung der schrägen Balken
des Fachwerks in eine optische Instabilität gebracht. Zudem bedeckte
die Künstlerin die Fenster des Hauses von innen mit einer Lichtstreufolie
und installierte in jedem Raum, vom Erdgeschoss bis zum Spitzboden,
Leuchtstoffröhren, die sich beim Anbruch der Dämmerung einschalten.
Diese gleichmäßige Erleuchtung nimmt dem Haus das Volumen
und die Schwere, es erscheint nun dem Betrachter zweidimensional, leicht
wie eine Theaterkulisse und setzt sich so deutlich von den Häusern
seiner Umgebung ab.
Jürgen
Witte schließlich hat eine tunnelartige Straßenunterführung
am Ufer der Weser, durch die Gleise der Hafenbahn führen, aber
heute wenig benutzt wird, eigentlich fast nutzlos ist und ziemlich verschmutzt
war, gesäubert und mit einer phosphoreszierenden Farbe angestrichen.
Installierte Lampen beleuchten nun diesen Tunnel für eine kurze
Zeit, um sich dann selbsttätig abzuschalten. Die nachleuchtende
Farbe taucht dann das Bauwerk in ein unwirkliches Licht, das das Durchschreiten
zu einem geheimnisvollen Erlebnis werden lässt.
Alle
vier Künstler haben die Aufgabe erfüllt, sich mit Holzminden
auseinander zusetzen, mit ihren Bauwerken, mit ihrer Geschichte, mit
den typischen Produkten und mit den Einwohnern dieser Stadt. Wie in
keinem der vorangegangenen Symposien ist die entstandene Kunst eng mit
diesen Kriterien verknüpft. Insofern muss die diesjährige
Veranstaltung als gelungen angesehen werden.
Die
Frage zu stellen, was von dieser Kunst bleibt, ist durchaus legitim.
Verhängnisvoll wäre es jedoch, das, was bleibt, lediglich
an erwerbbaren, materiellen Gegenständen festzumachen. Bleiben
werden auf jeden Fall die Begegnung mit den Künstlern, die Auseinandersetzung
mit der Kunst, die Denkanstöße, die von der Kunst ausgehen.
Nicht zuletzt dies ist die Aufgabe eines Symposions. Das Holzmindener
Bildhauersymposion hat sich in der Kunstlandschaft Niedersachsens etabliert
und einen sehr guten Ruf als einen Ort erworben, wo auch Experimente
stattfinden können. Es sollte daher unbedingt fortgeführt
werden.
In
der Sitzung am 22. November 1999 hat die Jury des Holzmindener Bildhauersymposions
entschieden, die Arbeit von Claudia Wissmann zu prämieren.
Norbert
Nobis, Hannover 1999