Vorwort

Kurz vor der Jahrtausendwende sei an dieser Stelle einmal der Blick zurück gewagt, sagen wir in die zweite Hälfte des letzten Jahrhunderts. Aber verschließen wir dabei ruhig unsere Augen und öffnen unsere Ohren für ein eigenartiges Rauschen, das wir noch immer aus dieser Zeit vernehmen. So wie der legendäre Urknall bis heute seine Hintergrundstrahlung in die Empfangsschüsseln der Wissenschaft ergießt, empfangen auch wir noch das Echo dieser fernen und aufbegehrenden Zeit. Man lausche nur den wütenden Worten eines ihrer Künstler."Alles muß zugrunde gehen", entschied Wilhelm Leibl, "die Kunst muß aus dem Nichts von vorne anfangen, das ist die einzige Hoffnung." Und Leibl war nicht der einzige seiner Zeit, der von einem Neuanfang träumte.

Was ist aus Leibls Vorsatz geworden? Ein Zugrundegehen? Ein Wiederanfang? Ein momentanes Aussetzen, sozusagen eine künstlerische Aus-Zeit, um die weiteren Strategien zu besprechen? Von alldem nichts. Statt dessen setzte eine Entwicklung ein, die man salbungsvoll als den Prozeß einer "Befreiung" umschrieb. Alles wurde befreit, um damit geradewegs in die Leere abzustürzen. Zuerst emanzipierte sich die Farbe von ihrem Gegenstand, dann der Gegenstand von seiner Form, dann die Form von ihrem Inhalt, dann der Inhalt von seinem Kontext, dann der Kontext von seiner Wirklichkeit usw. usf. Später hat sich auch das Kunstwerk befreit: Aus seinen angestammten Räumen wechselte es in die freie Wildbahn über, um sich schlußendlich sogar von seiner eigenen Materialität zu verabschieden.

Was das alles in einem Vorwort zu einem Meisterschüler-Katalog zu suchen hat? Dazu zwei Antworten. Schulen der Kunst standen schon immer im Zentrum der Befreiung. Von hier aus wurde argumentiert und gegenargumentiert. Zahlreich sind die Künstler, die den Ort der Schule oder der Akademie, deren Lehren, Diktionen und Regelwerke, zur Angriffsfläche wählten. Als Student der Bildenden Künste hatte man so einen Feind, an dem man sich abarbeiten und von dem man sich befreien konnte. Das alles mag heute an Aktualität eingebüßt haben. Aber es ist wichtig daran zu erinnern. Wichtig, weil notwendig. Und dies ist mitnichten ein Widerspruch zum Vorhergesagten.

Was an den vergangenen Befreiungstaten irritiert, ist nicht die Tatsache, daß befreit wurde, vielmehr der Umstand, daß die Geste der Befreiung selbst zum Inhalt hochstilisiert wurde. Die Entwicklung ist sozusagen auf halbem Wege steckengeblieben. Allzu oft hatte man vergessen den befreiten Dingen und Wesen auch eine neue Freiheit zu geben. Diese aber, das haben wir inzwischen gelernt, ist kein Ding der Beliebigkeit, der bloßen Absenz von äußerem Druck. Freiheit ist Gestaltung, Formung, ein Wissen-Warum, im besten Falle Sinnstiftung. Studentender Kunst sehen sich heute also ganz anderen Herausforderungen konfrontiert als noch jene, die mit dem Schleifen alter Bastionen ausgelastet waren. Sie haben das Kunststück zu meistern Neuland zu gewinnen, Pionierarbeit zu leisten und befreite Wesen in freie Wesen zu verwandeln. Sie müssen oder können, um Leibl zu zitieren, "aus dem Nichts von vorne anfangen". In diesem Sinne wünsche ich allen Meisterschülern viel Erfolg und Glück auf ihren weiteren Wegen.

Wolf Jahn, Hamburg 1998

 
 

 

 

 
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