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Unübersehbar die Stadt-Zeichen, die Jürgen Witte über Hannovers Passarelle aufgerichtet hat. Der Raum der Bahnhofsstraße - zu anderen Zeiten von gewohnter City-Einkaufsstraßen-Normalität - ist auf einmal völlig verwandelt.

In der Straßenachse ein präziser Rhythmus ebenso präziser, in den Raum geschriebener geometrischer Körper, überaus präsent in Größe, Farbigkeit und Textur. Der langgestreckte Raum scheint geradezu körperlich faßbar zu werden in der horizontalen Sequenz der schwebenden Quader, die zugleich vertikale Verbindungen schaffen zu dem Raumtunnel, der unterhalb des Straßenniveaus entlang verläuft. Die Eigenart dieses Stadtraumes - seine parallele Doppelung in Unten und Oben - wird unmittelbar sinnlich spürbar.

Bei aller Präsenz sind die Zeichen, die Jürgen Witte hier gleichsam „in den Raum geschrieben“ hat, doch fast immateriell: Dünn wie Linien auf dem Papier, eher gedacht als gebaut, die Kanten der fünf Raumkörper und die Vertikalen, die sie tragen - die sonst als Fahnenstangen dienen. Die Oberflächen aus parallelen Streifen des rot-weißen Plastikbandes provisorischer Straßenabsperrungen - omnipräsent im Hannover der Expo-Vorbereitung. Der leiseste Luftzug setzt die unzähligen Bänder in flirrende Bewegung, die sich den Oberflächen, die sie bilden, mitteilt: Permanente Dynamik, der Fluß von Energie in der Horizontalen und Vertikalen, sind ebenso präsent wie das Klare, Präzise und Statische der fünf Raumkörper.

Jürgen Wittes Arbeit kann man lesen und genießen wie eine große minimalistische Skulptur, die das Moment der Bewegung nicht nur in die Sequenz ihrer Elemente, sondern auch in ihre Oberfläche selbst aufgenommen hat. Im Kontext, in dem sie steht, nimmt man die Arbeit aber zugleich auch wahr als Paradigma für Stadt schlechthin. Da ist auf der einen Seite das Gebaute und Installierte, sozusagen die feste Seite der Stadt. Da ist aber gleichzeitig die permanente Bewegung, der Fluß der Körper; der Materie und der Energie, die ständige Veränderung. Jürgen Wittes Arbeit spricht von diesen beiden widersprüchlichen Seiten der Stadt und erinnert uns daran, daß die Ambiguität unserer Gefühle in Bezug auf die Stadt - diese widersprüchliche Sehnsucht nach Stabilität und Veränderung zugleich - ein Teil von uns selber ist.

Horant Fassbinder, Braunschweig 1999

 

 
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