die, die überleben wollen

"...depending on your appetite." PREFAB SPROUT

"Das Ausstellungsprojekt die, die überleben wollen im Sommer 1997 sucht Kunstschaffende. Zur Ausstellung erscheint ein Katalog in limitierter Auflage, in dem jeder Künstler bzw. jede Künstlerin erwähnt und veröffentlicht wird. Die Bewerbung mit Passfoto ist bis spätestens 30.03.97 an Die Kunststätte, Bütersworthstr. 22, 30161 Hannover zu senden."

So wurde das Projekt über Anzeigen in Tageszeitungen, Aushänge der Ausschreibung in den meisten Kunsthochschulen der Welt und über das Internet angekündigt. Die Ausschreibung begann Mitte Januar 1997. Dabei wurden formale Aspekte, wie sie auch sonst im Betriebssystem Kunst Verwendung finden, eingesetzt. Veranstalter, Wettbewerbsbedingungen und Fristen wurden definiert. In dem Glauben daran, wie etwas funktioniert, kam eine Kommunikationswelle auf die Kunststätte zu. Der zurückhaltende aber vielversprechende Ausschreibungstext führte zu den unterschiedlichsten Vorstellungen in den Köpfen der Bewerber, die teilweise sehr schnell nach dem Schalten der Anzeigen zu Tage kamen.

Kataloge, Fotos, Dias, Biographien und Pressetexte erreichten meine Wohnung. Eine Unmenge an Ansichtsmaterial inklusive kleinerer für das Projekt gemachter Kunstwerke vertraute man mir an. Der Anrufbeantworter und die Mailbox waren voll mit der Bitte um nähere Informationen zu dem Projekt. In Briefen und Postkarten wurde das Interesse an dem Ausstellungstitel und der Wunsch ausstellen zu dürfen formuliert.

Den Neugierigen und Zweiflern schickte ich ein zusätzliches Informationsblatt, wo die Intention und der Hintergrund des Projektes beschrieben waren. Dabei gab ich bekannt, dass das Passfoto, also die Abbildung des Bewerbers, als künstlerische Arbeit von mir definiert wird und in einem Katalog in limitierter Auflage der Nachwelt hinterlassen wird. Die Ambition durch das Setzen und Produzieren von unvergänglichen Werken "nicht vergessen zu werden" sollte durch das Projekt Unterstützung finden.

In unzähligen Telefonaten wurden gewisse Missverständnisse geklärt, die Angst in irgendwelchen "Braunen" oder "Roten" Blättern zu landen teilweise beseitigt. Die Diskussionen bewegten sich auf allen Ebenen, waren fruchtbar und furchtbar und endeten manchmal überraschend. Insgesamt stand ich mit etwa neunzig Interessenten in Kontakt, wobei sich ein Netz von Nordamerika über West- und Osteuropa nach Asien zog.

Neunundzwanzig sind letztendlich aufgesprungen, Unwissende und Wissende, Professoren, Künstler, Studenten und einfach nur Interessierte. Sie kennen einander nicht oder nur kaum, befinden sich als anonyme Gruppe gemeinsam im selben Boot mit unbekanntem Ziel. Möge der Katalog dafür sorgen, dass diese Reise niemals endet.

Jürgen Witte

 

Weniger ist oft mehr

So auch hier? - Findet Kunst statt? Wie, das wird zu zeigen sein. Die in diesem Katalog versammelten Künstler/-innen bzw. die sich als solche verstehen sind vertreten durch ihr Passfoto- und ihren Namen. Der Wechsel von Kunst zur Person des Künstlers, und einzig dieser, desavouiert die Bedeutung ihrer künstlerischen Produktion. - Da ist wohl jeder enttäuscht.- Enttäuscht, weil sein Versuch im dynamischen Geschehen des Kunstmarktes sich zu etablieren gescheitert ist. Wir müssen uns alle täglich sputen, denn die mächtigen Geister dunklen Vergessens landen Schlag auf Schlag. - Und da muss man heraus.- Gut, dass jemand kommt, der mit der Fahne des Überlebens winkt. Leicht kommt man hinein, schenkt dem Vorhaben Vertrauen, wendet sich mit allem was man bieten kann an den Initiator. - Schöne Freiheit du riechst so gut.- Doch, und hier liegt der Irrtum, das Licht des Mondes stammt nicht aus eigener Quelle, sondern ist nur ein geborgtes.

Nicht die Ergebnisse individuellen Kunstschaffens finden hier ihr Reservat, hier werden individuelle Oberlebensbedürfnisse genutzt, um die künstlerische Arbeit des Initiators zu befördern und gleichzeitig dem System Kunst, seinen Mechanismen und dem daraus resultierenden Marktgeschehen einen Spiegel vorzuhalten. Das, was sonst eine übliche Kunstausstellung ausmacht, läuft hier leer. Der Katalog ist nicht wie gewohnt Erinnerungsstütze einer gesehenen Ausstellung, sondern selbst Dokumentation und Ausstellungsraum in einem. Über den Rand hinaus bleibt nichts Greifbares. "Those who want to survive" werden von Jürgen Wirte zur Kunst erklärt, ohne mit ihrer je individuellen Kunst überleben zu können.

Götz Bergmann, Hannover 1997

 

 


 
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