inner congress

 

 

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Zur künstlerischen Arbeit von Jürgen Witte

"Hannover (dpa/lni) - Zur Vermeidung schwerer Erbkrankheiten sind genetische Eingriffe beim Embryo - die so genannte Keimbahntherapie - nach Ansicht der Deutschen Forschungsgemeinschaft unter bestimmten Voraussetzungen gerechtfertigt. «Wenn es um die Vermeidung schwerer Erbkrankheiten geht, dann spricht nichts dagegen, es zu tun», sagte der Präsident der Forschungsgemeinschaft, Ernst Ludwig Winnacker, in einem dpa-Gespräch. Zuvor müsse jedoch die Technik optimiert werden. Winnacker leitet am Donnerstag den «Workshop 21: Genomforschung» auf dem Expo-Wissenschaftsforum Global Dialogue in Hannover."

Man kann, mit viel Optimismus, der Entzifferung des menschlichen Gencodes offensichtlich durchaus positive Seiten abgewinnen - diese dpa-Meldung aus dem Juli 2000 jedenfalls führt vor, wie schnell man die unglaubliche Tatsache verdrängen kann, daß die sogenannten global player der Medikamentenindustrie ihre AIDS-Medikamente zu überteuerten, für viele Infizierte unerschwinglichen Preisen angeboten haben. So haben sie "spielend leicht" - aber überaus real und tragisch! - die Auslöschung einer ganzen Generation in Schwarzafrika immerhin mit verschuldet. Angesichts dieses neoliberalen Kontextes noch Vertrauen in eine Ethik der Medikamentenindustrie zu haben - und solch' Ethik wäre zumindestens nötig, um einen halbwegs humanen Einsatz auch der Gentechnologie erhoffen zu können - zeugt von einer gnadenlosen Naivität, die immer noch auf die Machbarkeit alles Menschenmöglichen setzt. "Zuvor müsse jedoch die Technik optimiert werden" (dpa), bleibt in dieser Logik wieder einmal als einzig legitimer Vorbehalt. (Ein Vorbehalt, der gewissermaßen den Bock zum Gärtner macht {1}).

Das Niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur agiert an einer der Schnittstellen von Wissenschaft und Ethik - geht man einmal davon aus, das Kultur (und Kunst) im 21. Jahrhundert etwas mit Ethik zu tun haben. Gilles Deleuze/Felix Guattari jedenfalls skizzieren in ihren 1980 erschienenen "Tausend Plateaus" das Verhältnis von Naturwissenschaften und u.a. Kunst als das von "Königswissenschaften" und "nomadischen Wissenschaften". Auf der einen Seite steht, stark verkürzt formuliert, die Macht, die etablierten Institutionen und das in sich gefestigte Subjekt, da ist das rational/technoide Regelwerk, mit dem die Nachprüfbarkeit und Kontrolle der fortsetzbaren wissenschaftlichen Ergebnisse ermöglicht werden soll und da ist der immer auch imperialistische Anspruch auf universelle Gültigkeit. Auf der Seite des nomadischen Denkens dagegen finden sich, wieder sehr vereinfacht beschrieben, Unterdrücktheit und Diskontinuität, Intuition und Sinnlichkeit, sowie die permanente, sich nicht entwickelnde Bewegung der Problematik. Jürgen Wittes Rauminstallation "inner congress", 2000, steht in eben dieser Spannung von "Königswissenschaften" und "nomadischen Wissenschaften". Der promovierte Naturwissenschaftler und gleichzeitig studierte Künstler hat hier auf einer Etage des Treppenhauses des Niedersächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kultur, das, um im Deleuze/Guattarischen Bild zu bleiben, quasi Schloß und Zelt zugleich ist, ein merkwürdiges Szenario einer scheinbaren Vortragssituation konstruiert. Die Installation ist so inneres Bild {2} und Betonung der problematischen Beziehung der beiden Funktionen des Ministeriums zugleich.

Da überraschen zunächst zwei große "inszenierte" Photos: Das kleinere zeigt einen dunkelhäutigen Mann im weißen Kittel, eine Winchester-Schrotflinte unterm Arm. Er steht in einem universitären Hörsaal, zeigt uns schroff "die kalte Schulter" und schaut dabei auf eine Tafel, die mit chemischen Formeln beschrieben ist, genauer: mit englischsprachigen, massenspektrometrisch erfassten Fragmenten von chlorierten Paraffinen. Auf dem zweitem Photo, präsentiert an einer 2,2 x 3 m großen Messewand, stellt Jürgen Witte uns zwei junge Koreaner vor, die in einem norddeutschen Weizenfeld stehen. Beide schauen offenbar voller optimistischen Tatendrang in eine typisch sozialistische Zukunft asiatischer Prägung und tragen gemeinsam einen Berner Sennenhund auf den Armen. Im Raum vor den beiden Photos stehen etwa 50 Stühle in Reih und Glied, auf eventuelle Zuhörer wartend. Inmitten dieser gleichsam "disziplinierten" Sitzgruppe plazierte Witte eine geschminkte, modifizierte Schaufensterpuppe mit hochgestreckten Armen. Die Figur trägt des Künstlers alltägliche Kleidung und sieht ihm auch sonst nicht unähnlich. Erfolgreich geklont? Auf jedem Fall verharrt die Figur in einem wie eingefrorenen Zustand, unentscheidbar zwischen Jubel und "Hände hoch" -Reaktion. Mediziner nennen solch' bewegungsunfähige Bewußtseinszustände "Katalepsie" - ein Zustand, mit dem Witte ein "stehendes K.o." im Zeichen anhaltender Ratlosigkeit zum Ausdruck bringt. 

Insgesamt baut sich in "inner congress" eine so selbstreferentielle wie absurde und rätselhafte Modellsituation auf. Eine Modellsituation, die unterschiedliche Referenzen zur postmodernen Politik, Rassismus, Ökologie, Gewalt, Migration, Gentechnik - bzw. zur Wissenschaft vorführt und diese dann sogleich in einen für das nomadische Denken so typischen "offenen Raum" (Deleuze/Guattari) überführt. Wenigstens hier "siegt" einmal die Kunst {3}. (Ein Symposion zum Thema Kunst/Wissenschaft, das tatsächlich in der Rauminstallation "inner congress" stattfinden soll, ist übrigens in Planung.)

{1} lese hierzu Walter Benjamins Essay "Erfahrung und Armut".

{2} auch der Titel "inner congress" betont diesen Aspekt.

{3} "Aus dem Weg, Kapitalisten: Die letzte Schlacht gewinnen wir" (Ton Steine Scherben). Schön wär's!

Raimar Stange, Berlin im Juli 2000

 

 
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